Nachgefragt

Dirk Dobiéy im Interview

5 Fragen an Dirk Dobiéy von Age of Artists. Er hat 2015 eine gGmbH gegründet – ein Unternehmen, welches Kunstprozesse für die Wirtschaft erforscht.

Age of Artists ist seit Anfang 2015 am Start. Wie kommt ein ehemaliger SAP-Manager zur Kunst?

Die Frage hört sich so an, als ob es etwas Außergewöhnliches sei. Dabei empfinde ich das gar nicht so. Ich kenne viele Menschen, die nicht nur großes Interesse für Kunst und Kultur haben, sondern neben ihrem Beruf auch künstlerisch tätig sind. Vielleicht liegt der Frage etwas viel elementareres zugrunde, nämlich dass wir aufgrund der zunehmenden Spezialisierung in allen Disziplinen gar nicht mehr in Betracht ziehen, dass die Menschen ganz unterschiedlichen Interessen mit gleicher Begeisterung nachgehen. Und wenn sie es tun, wird gern unterstellt, sie seien nicht fokussiert genug. Um sich nicht rechtfertigen oder erklären zu müssen, lassen die viele Menschen, z.B. in der Wirtschaft diese Details dann gern aus. Die Softwareentwicklerin erzählt dann eben nicht, dass Sie auch im Chor singt, sondern beschränkt sich auf den sogenannten professionellen Teil. Dabei gibt es genug Belege dafür, dass auch die Nebenbeschäftigung mit Kunst vieles besser macht. Wissenschaftler zum Beispiel: Unter Wissenschaftlern, die künstlerisch aktiv sind, finden sich anteilig weit mehr Nobelpreisträger als unter denen, die sich nicht künstlerisch betätigen. Einstein war ein guter Geiger. „Immer wenn er das Gefühl hatte, ans Ende eines Weges gekommen zu sein“, berichtet Einsteins Sohn Hans Albert über seinen Vater, „oder wenn er sich in der Arbeit einer wichtigen Herausforderung gegenüber sah, suchte er Zuflucht in der Musik und das löste all seine Schwierigkeiten“.

Ich hatte Glück. Für mich war das Künstlerische immer schon da. Kinderbücher, Malen im Kindergarten, Vorstellungen für Kinder im Theater, Musik hören in der Jugend. Es war auch zu jeder Zeit eine Mischung aus eigener kreativer Tätigkeit wie Malen, Fotografieren oder Möbeldesign und der Rezeption künstlerischer Produktionen anderer Menschen, z.B. Filme, Konzerte oder Ausstellungen.

Was sind Eure Ziele – wohin soll die Reise gehen?

Wir wollen von den kreativen Disziplinen lernen, um wirtschaftliche und gesellschaftliche Herausforderungen besser bewältigen zu können. Wie viele andere Menschen unserer Zeit haben wir erkannt, dass unsere stark wirtschaftlich geprägte Gesellschaft vor schweren Aufgaben steht, die unlösbar sind, sollten wir uns, unsere Organisationen und unsere Gesellschaft nicht grundlegend verändern. Wirtschaftsökosysteme und globale Märkte, neue Technologien und disruptive Geschäftsmodelle, Nanotechnologie, Digitalisierung, Automatisierung, künstliche Intelligenz, demografischer Wandel, schwindende Ressourcen, Umweltzerstörung, Klimawandel – diese und andere, teils hoch problematischen, teils unabsehbaren Entwicklungen führen dazu, dass wir eine Vielzahl oft auch widersprüchlicher Anforderungen miteinander vereinbaren und erfüllen müssen. Dafür reicht es bei weitem nicht mehr aus, linear und rational vorzugehen. Wir müssen andere Fähigkeiten stärker ausbilden: Wahrnehmung, Reflektionsvermögen, Kreativität, Widerstandsfähigkeit – alles Fähigkeiten, die besonders im Künstlerischen anzutreffen sind. Dabei geht es nicht darum, jeden von uns zum Künstler zu machen, sondern darum, darüber nachzudenken, was relevant für andere gesellschaftliche Bereiche ist. Es geht darum, ein neues oder zumindest erweitertes Verständnis von Aus- und Weiterbildung zu entwickeln, welches das Künstlerische als Alternative zu festgefahrenen Denk- und Handlungsmustern und als ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal der Menschen berücksichtigt. Wenn sich dadurch mehr Menschen künstlerisch ausdrücken ist das wunderbar aber nicht unsere Hauptintention. Wir helfen Menschen, sich künstlerische Fähigkeiten anzueignen und künstlerische Praktiken zu erlernen, um so ihre Wahrnehmung, ihr Urteilsvermögen, ihre Fähigkeit, Probleme zu lösen, zu verbessern und dadurch kreativer zu sein. Wir unterstützen Organisationen dabei, die Voraussetzungen für künstlerisches Denken und Handeln zu schaffen, um so neue Formen des Wirtschaftens zu entwickeln, innovativer, nachhaltiger und verantwortungsvoller zu sein. Wir setzen uns dafür ein, dass unsere Gesellschaft, neue Wege findet und geht, um die großen Probleme, die Wicked Problems unserer Zeit zu lösen.

Kunst als Impulsgeber für die Wirtschaft. Ein nicht ganz neuer Hut! Was unterscheidet Age of Artists, z.B. von ecce (european centre for creative economy) oder vom Nordkolleg Rendsburg?

Ja, das ist richtig. Die Verbindung von Kunst und Wirtschaft ist keine Innovation. Die Schnittstellen sind vielfältig. Bei Age of Artists geht es aber nicht darum Veränderungen mit Mitteln der Kunst herbeizuführen sondern darum, dass Profis in Wissenschaft, Wirtschaft oder Verwaltung in Zukunft etwas künstlerischer arbeiten. Organisationen sollen mehr wie Ateliers und künstlerische Netzwerke funktionieren. Um diesen Prozess zu unterstützen, können Künstlerinnen und Künstler wichtige Impulse geben. Ich konnte dies bereits einige Male persönlich erleben und es war jedes Mal verblüffend zu beobachten, wie die Skepsis der Erkenntnis wich. Gleichzeitig ist Einsicht nicht gleichbedeutend mit Verhaltensänderung oder mit der Ausprägung neuer Fähigkeiten. Etwas plakativer formuliert: Künstler können das Tor öffnen, aber durchgehen muss jeder selbst. Wenn viele in einer Firma diesen Weg gehen, entwickelt sich eine neue Form der Organisation. Dies ist dann kein zentral gesteuertes Veränderungsprojekt zur Gleichschaltung von Werten, denn das funktioniert nicht, sondern eine kollektive Erfahrung.

Was hat die Wirtschaft von Eurem Angebot?

Bei Age of Artists versuchen wir, Antworten auf dringende Fragen zu finden, die Führungskräfte in allen Disziplinen beschäftigen:

Wie identifizieren und entwickeln wir Innovationspotenzial? Wie gestalten wir integrierte Kundenerfahrungen die sozial verantwortungsvoll geschaffen wurden und nachhaltig sind? Wie organisieren wir uns um eine Umfeld für Kreativität zu schaffen? Wie entwickeln wir unsere Kompetenzen weiter um für die Zukunft gerüstet zu sein?

Natürlich kann es nie nur um das gehen kann was wir herausgefunden haben, sondern vor allen Dingen um Industrieexpertise und Expertenwissen. Der Kunstbegriff kommt schließlich von können. Was wir allerdings leisten können, ist dabei zu unterstützen durch qualitative und quantitative Ansätze überzeugende Innovationsansätze zu entwickeln. Durch unseren integrierten Ansatz helfen wir dabei multivalente Lösungen und integrierte Kundenerfahrungen zu entwickeln. Wir unterstützen Führungskräfte durch pragmatische und handlungsorientierte Maßnahmen dabei eine dauerhafte Umgebung für Kreativität zu schaffen. Und unsere Ausbildungsprogramme unterstützen bei der Ausprägung künstlerischer Kompetenzen und der Entwicklung von kreativem Selbstvertrauen – Person für Person.

Welchen Profit haben die Künstler davon?

Profit und Künstler in einer Frage. Ist das nicht ein Sakrileg? Zunächst wollten wir bewusst nicht dazu beitragen, dass Künstler von der Wirtschaft lernen. Dazu gibt es viele andere Initiativen, nicht alle davon begrüßen wir. Inzwischen ist es uns gelungen, gattungsübergreifend Muster künstlerischer Arbeit herauszuarbeiten, die sich zu einem Gesamtbild zusammenfügen lassen. Dieses Gesamtbild könnte, gerade für junge Künstlerinnen und Künstler, spannend sein, weil wir einen Katalog von Handlungsoptionen anbieten, der auch dort wirksam eingesetzt werden kann, wo wir ihn gefunden haben – in der Kunst. Künstler können uns mit Ihrer Unterstützung außerdem dabei helfen, der Kunst zu mehr Einfluss zu verhelfen, die Kunst zu einem echten Gegengewicht zu machen in gesellschaftlichen Bereichen, in denen sie bislang eher nur Objekt ist. Peter Tomaž Dobrila, slowenischer Musiker, Ingenieur und Kulturexperte erzählte mir, eine der Aufgaben der Kunst sei es die notwendige Balance in der Gesellschaft herzustellen. Er sprach davon, dass es in der Politik “Position” und “Opposition” gibt und in der Kunst die “Komposition”. Peter betrachtet dieses zusammenführende Element als Grundlage für das Überleben unseres globalen Dorfes. Diese Sicht teilen wir.